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Das Leiden der alten Werte

(Probenfoto)

 

"Früher habe ich gedacht das ich meine eigenen Bilder malen kann, aber jetzt habe ich gemerkt, das die Bilder die ich male nicht meine eigenen Bilder sind.
Das die Bilder in meinem Kopf fremdbestimmt sind.
Damit mir mein Leben real wird muss ich es in Bildern ordnen.

Ich kann noch nicht einmal richtig fühlen ohne Bilder.
Ich kann meine dumpfen Gefühle nur einordnen wenn ich Bilder für sie benutze.
Nur so werden sie für mich real.
Aber ich kann keinen Sonnenuntergang mehr sehen ohne Filmmusik zu hören und noch die intimsten Momente sind mit fremden Bildern beschmutzt.

Die Bilder sind das Problem!
Am liebsten würde ich alle Bilder wegschmeißen,
aber was kann ich dann noch fühlen?

Meine Wünsche und Fantasien werden nur durch Bilder für mich greifbar!
Aber welche sind echt und welche hat man mir untergejubelt.

Ich habe doch ein Bild von mir!
Ich motiviere mich täglich zu Handlungen, um das Bild, das ich glaube von Mir selber haben zu müssen aufrecht zu erhalten.

Macht mir meine Arbeit spass, oder komme ich nur aus dieser Lebenslüge hier nicht heraus?

Bin ich eine gute Zeitgeistverwertungsmaschiene?

Bin ich wirklich kreativ, oder ist das auch nur so eine Bilderecke in die mich meine Eltern gestellt haben, weil ich als Kind übersensibel und unsportlich war?

Wenn ich Ihnen sage, dass das ein gutes Gefühl ist hier zu stehen, glauben Sie mir das?

Wenn ich Ihnen aber sage, dass das ein Scheissgefühl ist hier den Entlastungsclown für Sie zu spielen, damit Sie nen unterhaltsamen Abend haben, glauben Sie mir das?

Woher weiss ich wie ich riechen möchte?

Würde Scheisse besser aussehen, wenn sie nicht so stinken würde?

Geht der perfekte Sex so wie im Kino?
So mit schreien und so?

Bis zu welchem Alter ist chaotisch sexy und ab wann stehen die Frauen eher auf Sicherheit?

Warum lebe ich nicht in einem Loft?

Ist Stil haben eine Frage der Herkunft?

Umgebe ich mich mit schönen Menschen, damit deren Glanz auch Streulicht auf mich abwirft?

Macht mir meine Arbeit Spass, auch wenn mich gerade keiner will?

Liebe ich meine Freundin oder finde ich nur, dass sie mir gut steht?

Bin ich durchlässig genug und fasse ich gleichzeitig das Wesentliche?"

 

St. Pauli Theater Hamburg, 2008/2009
Text und Performance: Birger Frehse, Franziska Henschel, Orlando Klaus, Iris Minich,
Matthias Mühlschlegel, Tassilo Tesche, Felix Wangerin und Gäste
Regie: Franziska Henschel
Bühne und Kostüme: Tassilo Tesche