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Theater als Waffengattung





 

von Tassilo Tesche
Flandernbunker Kiel, 2008

"Wir spielen das Jahr 1944, das ist eine Bühne
aber 1944 ist hier Krieg.
Meine Grossmutter sitzt in diesem Bunker.
Sie hat meine Mutter auf den Knien, ein uneheliches Kind.
Kriegswirren -
sie wird Ihren Vater nie kennenlernen.

Meine Grossmutter ist Pianistin, sie geht seit 42 auf Tournee,
wenn Sie genau hinsehen können Sie sie sehen!
Sie tritt auf,
sie macht Fronttheater, damals hiess es ja: Theater als Waffengattung,
das musste sie einfach machen, das war ihre Chance,
ihr Partner: Heinz Erhardt.
Ladies and Gentleman please wellcome: Willy Winzig
Da is er! Er ist wirklich sehr klein, aber noch nicht dick.

Ihr Töchterchen muss bei der Grossmutter bleiben, in der Scharnhorststrasse.
Die Scharnhorststr.7 wird nie getroffen, ist das nicht toll?
Sie schreibt Briefe.
Es geht uns gut. Es gibt jeden Tag Fleisch!
Wenn man an der Ostfront spielt hört man die Einschläge aber das Klatschen ist lauter.
Bitte klatschen sie!

Nein, hören Sie lieber - jetzt:
Heinz Erhardt dichtet und sie spielt Klavier.
Jetzt spielt er - zumindest tut er so,
Chopin!
Hören Sie es?
Meine Grossmutter hat ihm das beigebracht, sie war eine gute Lehrerin,
in den Gefechtspausen konnte man sie üben hören,
jetzt vierhändig! Was für ein Anschlag.
Ist das nicht grossartig, wie sich das hier drinnen alles gehalten hat.
Das ist Poesie!

Meine Grossmutter hat hier in diesem Bunker,
hier an dieser Stelle, an ihr vierhändiges Spiel gedacht,
meine Mutter hat geschlafen, aber Sie, Sie haben es gehört!
Es gibt Dinge denen kann man sich nicht entziehen.

Auch wenn Sie es nicht glauben,
die Kunst stirbt nie!

Vielen Dank!"